Therapeutisches Klettern mit MS

Vier Menschen kommen in die Boulderhalle. Drei von ihnen sieht man die MS auf den ersten Blick nicht an, die vierte braucht zum Gehen einen Rollator. Die Aufgaben, die sich mir hier stellen, sind ganz unterschiedlich. Aber alle vier möchten klettern.

So hat einer meiner Kurse angefangen. Was daraus geworden ist, erzähle ich dir hier.

Übersicht

Eine Teilnehmerin steht auf großen Tritten knapp über dem Boden an der Boulderwand. Helga steht dicht hinter ihr und sichert mit den Händen.

Was beim Klettern passiert

Beim Klettern arbeitet der ganze Körper mit. Mal hältst du dich fest und bleibst ruhig in der Wand, mal bewegst du dich zum nächsten Griff. Deine Muskeln arbeiten also abwechselnd haltend und in Bewegung.

Die Physiotherapeutin und Sportwissenschaftlerin Claudia Kern beschreibt, was beim therapeutischen Klettern auf der körperlichen Ebene geübt wird: unter anderem Koordination, Kraft und Stabilität, Beweglichkeit, Gleichgewicht, Orientierung und Körperwahrnehmung. Dazu kommen Konzentration und der Austausch mit anderen.

Das Schöne daran: Die Wand ist so vielseitig, dass jede und jeder mit den eigenen Symptomen passende Aufgaben findet. Und viele Bewegungen an der Wand brauchst du auch im Alltag. Wer zum nächsthöheren Griff langt, übt dieselbe Bewegung wie beim Griff zu den Gläsern im oberen Regal.

Klettern ersetzt keine ärztliche Behandlung, Physiotherapie oder Medikamente. Es kann sie ergänzen. Sprich bitte vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.

Die Praxis: der erste Termin

Wir arbeiten in geringer Höhe, machen Quergänge, also seitliche Wege an der Wand entlang, und probieren aus, was an der Boulderwand möglich ist.

Für die Teilnehmerin mit Rollator ist schon der weiche Untergrund der Bouldermatten eine Herausforderung. Sie macht ihre Quergänge deshalb mit den Füßen am Boden.

Dabei sehe ich bei allen, woran wir arbeiten können:

  • Es gibt eine gute und eine schlechte Seite.
  • Der Fuß lässt sich im Sprunggelenk nicht gut stabilisieren.
  • Der Fuß landet nicht genau dort, wo er hin soll.
  • Die Rumpfspannung könnte besser sein.
  • Schultern und Nacken sind verspannt.
  • Die Bewegungen sind „eckig“.

Was sich im Kurs getan hat

Im Laufe der Kurse haben alle viel Neues ausprobiert und jede Menge Spaß beim Bouldern gehabt.

Aufgaben, die am Anfang unmöglich schienen, gehören inzwischen einfach dazu. Und viele davon haben eine Entsprechung im Alltag:

  • Freihändig in der Wand stehen: Du hältst dich nur mit den Füßen und dem Körper im Gleichgewicht, so wie beim Gehen.
  • Eine Stütztechnik mit viel Rumpfspannung: Die brauchst du zum Beispiel, wenn du etwas hebst.
  • Die Füße bewusst setzen: wie beim Wandern auf einem schmalen Weg.
  • Griffe erreichen, die „eigentlich“ uuuunmöglich weit weg sind: wie die Gläser im oberen Regal.

Der Rollator rockt

Der Rollator wird noch gebraucht, um von A nach B zu kommen. Aber in der Boulderhalle hat er frei.

Seine Besitzerin steigt inzwischen selbstständig in die Wand ein und macht ihre Quergänge auf Tritten in der Wand statt mit den Füßen am Boden. Jedes Mal freue ich mich mit.

Danke

Ich bin meinen Teilnehmenden von Herzen dankbar. Sie fordern mich, immer wieder neue Aufgaben für sie zu finden, und sie zeigen mir, was alles möglich ist.

Du möchtest mitmachen?

Im Raum Nürnberg biete ich zusammen mit der DMSG Kurse an. Die Anmeldung läuft über die DMSG Mittelfranken. Termine und Kontaktdaten findest du unter Mitmachen.

Du möchtest lieber allein starten? Dann schau dir das Einzeltraining an.

Wie eine Einheit abläuft und worauf ich bei der Sicherheit achte, liest du unter Klettern mit MS.

Quelle: C. Kern (2025): Therapeutisches Klettern und Bouldern in der Physiotherapie und Ergotherapie.